Gespräch mit Wiens “jüngstem” Weltreisenden
„Na alstern, da wern ma halt wieder! Nutzt nix, Wien bleibt Wien!” Mit diesen klassischen Worten hat Hans Moser seine aparte, jetzt leider nur sehr schwach geheizte Wohnung In der Schlüsselgasse betreten und den versammelten intimen Freunden herzlich die Hand geschüttelt. Und gleich darauf hat er sich mit einem urkomischen Kratzfuß zurückgezogen und sich einmal ordentlich aufs Ohr gelegt, denn eine zweitägige Bahnfahrt ist eben nicht so ganz ohne.
Dann — einen Tag später: „Wissens, lieber Freund, i hab’ eigentlich a schlechts G’wissen. Mein Gott, was soll i Ihnen schon derzähln. Andere habn mi a schon ausgfratschelt, aber i waß wirklich net, es war ja so viel… Bringen ma vielleicht zerst a bisserl a System in die ganze Angelegenheit: Der Grund meiner Reise nach Südamerika war der — wir wollten unsere Tochter besuchen, die seit Jahr und Tag drüben verheiratet ist. Wir meinen sogar, daß’s glücklich worden is, unsere liebe Gretl. No, Er is aber a gar net so zwider. Er hat des Madl gern, er is lieb und nett zu ihr; sie haben 80 Kilometer von Buenos Aires a eigenes Campo oder wie des Zeug auf Spanisch heißt — no ja, es is a lieber, gemütlicher Bauernhof, mit Küh’ und Hendln und so, für die zwa ihr Weekend-buen retiro. Gelegentlich kommen Gäst’, dann wird a ganzes Stück Vieh, sagen ma z. B, a Ochs, auf an mordstrumm Spieß als a ganzer braten, in der Montur, das heißt in der Haut. Und die Caballeros und die Senoritas greifen nach den langen mitgebrachten Messern und säbeln sich dann nach Lust und Laune und Appetit an Reanken oba. I weiß net, mir hat des net imponieren können, des Essen auf an Papierl oder an Teller, was ma auf die Knie halten muß, man macht sie am Schluß ja do no d’ Hosen fett; na, da eß i wirklich scho lieber auf an Tisch. Der Wein, den die Argentinier trinken, is gut, des muß ma ihnen lassen. Er kommt vor allem aus Chile, aber wissen S’: jeder lobt seinen eigenen Wein, und ,den Wein, den i mein’, das is eben ein eigener Wein’, no ja, eben der unsrige!
Wir haben am 29. April vorigen Jahrs mit an englischen Schiff den Kontinent verlassen. In der Biscaya hats dann a paar Gast’ den Magen umdraht, aber des war a schon alles. A bisserl aufregend war dann no die Äquatortauf’; glacht ham d’ Leut, wie Neptun an Matrosen nach dem andern ins Wasser (richtiger gesagt: Schwimmbassin) werfen hat lassen. Nach 16 Tagen — d’ Fahrt war das reinste Sanatorium — warn mei Frau und ich glücklich drüben. D’ Gretl hat uns schon in Montevideo in Empfang g’nommen. Na, des war a Wiedersehen! Dabei, ehrlich g’standen, war sie eh erst a Jahr vorher bei uns in Wien auf Besuch.
In Buenos Aires hab’ i zwanzigmal g’spielt. Mein Gott, die Leut warn wie narrisch! I hab’ mi net oft gnug verbeugn können. I hab’ dann schon direkt Kreuzschmerzn g’habt. Natürlich hats Einladungen geregnet. Aber, wissen S’, wir san am liebsten unter uns blieben. Na sagn S’, hab’ i net recht? Nach fünf Monaten san ma dann mit der ‘Argentina’ nach New York abdampft, über Trinidad, von dem man ja im Film allerweil hört. Alstern mit aner ,groben See’ und aner Windstärke 10′ und mit an ,Opfer für Neptun’ kann i leider net dienen. Beim besten Willen net. No, und in New York hab’ i auch Theater g’spielt. So z. B. in der riesigen Carnegie Hall. Amal hat der Oskar Karlweis konferiert. Es hat a Wiedersehen mit der guten Konstantin und der Else Kaufmann und dem Reinhold Schünzel geben. Wissen S’, ma hätt da drüben schwer verdienen können, bei der Tele-wischn (Television). Aber Englisch hätt i eben können müssen. Gschieht mir aber ganz recht, was hab’ i die Sprach net g’lernt! No ja, New York is ganz groß. Aber mi hat’s nimmer überrascht — i war ja scho vor zwanzig Jahrn drüben, mit Max Reinhardt. I hab’ damals im ,Sommernachtstraum’ und in ,Peripherie’ g’spielt. Jetzt hab’ i die Ehre g’habt, von unserem Herrn Gesandten empfangen zu werden.
Zum Schluß, i muß nämlich no a Sprüngerl weggehn, ein paar starke Eindrücke von der Reise. I weiß eh, daß Sie darauf scho die ganze Zeit spitzen, aber bei mir is des so: i bin ka guter Erzähler, und dann muß i erst warm werden. Jetzt is ma warm. Innerlich wenigstens, denn in dem Zimmer hat’s wirklich a Saukälten. Alstern, sehr imponiert hat mir, daß man in Argentinien wirklich fast bei jedem Standl gratis telephonieren kann — wo gibts des bei uns? Lustig hab i g’funden, über was sich a richtiger Amerikaner ärgern kann. A Beispiel dafür: Z’Weihnachten haben s’ vor dem gewaltigen Rockefeller Center
an riesigen Tannenbaum aufgeteilt. I weiß net mehr, wieviel „feet” er hoch war, aber meiner Schätzung nach war er zumindest drei Stock hoch. Warten S’, i möcht ka Unwahrheit erzählen — gehn ma da zum Fenster, damit i an Maßstab finden kann. Ja, da drüben, sehn S’, i mein des dreistöckige Haus — ja, natürlich, so hoch war auch der Christbaum vor dem Rockefeller Center. Und dann haben die New-Yorker erfahren, daß in einer andern Stadt, die selbstverständlich viel kleiner is als New York, auch a Christbaum steht, der um a paar Zentimeter höher is. No, und da hat die New-Yorker nix mehr richtig g’freut: direkt den Kopf ham s’ hängn lassen, nur, daß ihna des Essen auch net mehr g’schmeckt hätt. So, jetzt muß i aber gehn — Habidjere!”
P. S. „Habidjere” ist nicht, wie ihr lieben Wiener Caballeros und Senoritas vielleicht vermuten könntet, Spanisch, sondern unverfälscht: Moserisch.